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Jazz in E

festivals

Das statische Ruhen beunruhigen

Eine Subkultur erobert die Mitte einer Kleinstadt
Von Thomas Melzer

Freitags nach Himmelfahrt wird gefrickelt. Musiker, deren Namen im benachbarten Berlin kaum einer kennt, geschweige denn im brandenburgischen Eberswalde, lassen es auf Tasten, Saiten und Stimmbändern brummen, zischen, krachen, dass es nicht nur Josef Keil, den assimilierten katholischen Sparkassenvorstand aus dem Rheinland, so richtig schön atonal in die Flucht treibt. Blöder Mist, orakeln da einige, jetzt hat „Jazz in E.“, das waghalsige Festival in Ostbrandenburg, seinen Hauptsponsor verloren. Falsch verdächtigt, ein Jahr später, zur Festivaleröffnung, steht der Herr Direktor auf der Bühne, krempelt die Ärmel hoch, preist das Festival, lobet seine Macher und verkündet: „Ich bin stolz, ein Eberswalder zu sein!“ In Reihe eins vor ihm freuen sich Bürgermeister und Landrat, denn wofür sie Worte finden wie „Alleinstellungsmerkmal“ und „weicher Standortfaktor“, macht in ihrem Etat so viel aus wie eine Sechzehntelnote an diesem Konzertabend. Investiert werden hier vor allem Leidenschaft und Engagement. 

Jazz ist nicht das naheliegende, was ein Gang durch die einst reiche Industriestadt im Finowtal assoziert. Deutsche Fliegerbomben brannten ihre bürgerliche Mitte weg, die sozialistische Planwirtschaft hinterließ, neben Kranbaukombinat und industrieller Schweinemast, eine umfassende proletarische Monokultur. Nach 1990 von der bundesdeutschen Bürokratie zum Behördenzentrum subventioniert, erschien die Stadt lange nicht als Ort, an dem nonkonforme Musen sich küssend niederlassen. Ein verstockter Bürgermeister in Jägerjoppe betrieb Hinterzimmerpolitik, bis er vorzeitig aus dem Amt gewählt wurde, eine alternde Schlagersängerin wurde als Kulturbotschafterin hofiert, bis sich selbst die Löwenbabys im Zoo weigerten, von ihr getauft zu werden. Das war die Stunde, in der „Jazz in E.“ ins Zentrum zog. Es war die Stunde von Udo Muszynski. 

„Der Udo sieht jetzt besser aus mit seinen kurzen Haaren“, sagt Rudi Mahall, ein berühmter Bassklarinettist aus dem Fränkischen, der oft in Eberswalde spielt, wenn er nicht gerade in der weiten Welt unterwegs ist. Als Udo Muszynski die Haare noch schulterlang trug, kämpfte der frühere Bausoldat im Neuen Forum für die Entmilitarisierung der von tausenden Rotarmisten umzingelten Stadt, beriet Wehrdienstverweigerer und gründete mit Gleichgesinnten das „Begegnungszentrum für Wege zur Gewaltfreiheit“. Man traf sich in einer ehemaligen Poststation, in deren Keller das Stadtgeflüster eine „Folterkammer der Russen“ verortete, zu Politik und Vergnügen. Es gab Hörspiel, Film und Jazz, Gespräche über Mahatma Gandhi und Kurt Kretschmann; 1994 schließlich, in einer kleinen Garage nebenan, das erste Jazzfestival. Auch Rudi Mahall stand da schon auf der Bühne. „Das war von Anfang an gut besucht. Und es war nicht so ein typisches Jazzpublikum, das sich aus Zahnärzten und Architekten zusammensetzt, sondern da sind schon immer ganz normale Leute hingegangen, vor denen man sich als Musiker nicht so oll vorkommt.“ 

Lars Fischer, ein Kulturwissenschaftler, trauert den alten Zeiten hinterher: „Im Gegensatz zu vielen anderen Initiativen im Kultur- und Sozialbereich waren wir damals ehrlich. Wir haben keinen Anspruch erhoben, finanziert zu werden. Wir haben immer gesagt, das ist keine Sozialpädagogenkulturarbeit, das hilft weder rechts noch links noch irgendjemand, das ist einfach Spaß an der Freude. Primär tun wir es für uns; wenn andere das Angebot annehmen, ist es optimal, aber wir binden kein Dienstleistungsverhältnis daran.“ Als das Backsteingebäude vor etlichen Jahren aus dem Bundesvermögen für 40.000 DM an ein örtliches Fitness-Studio versteigert wurde – seitdem steht es leer –, ging für Lars Fischer und einige andere die Seele des Projekts verloren. Sie besuchen noch die Konzerte, freuen sich über gute Musik, fühlen sich im Aufstieg von „Jazz in E.“ aber nicht zu Hause. 

Das Festival war für seine Nische wohl ohnehin zu groß geworden, als es sie verlassen musste. Im Ort sprach sich zunehmend herum, dass für Schwellenangst kein Grund bestand. Jürgen Peters hatte den Ruf auf die Professur für Landschaftsplanung an der örtlichen Fachhochschule zu einer Zeit angenommen, in der die Stadt nach dem Mord an Amadeu Antonio bundesweit als fremdenfeindlich stigmatisiert war. „Das war schon ein Schritt. Ich stamme aus Hamburg, meine Frau aus Hessen, wir hatten lange im Westteil Berlins gelebt. Nun also Eberswalde. Und dann erlebten wir die aktive Bürgerbewegung, das Netzwerk für Toleranz, das Bemühen um ein positives Klima. Das war wie ein Anker für uns. Gerade die junge heimische Jazzszene hat uns mit offenen Armen aufgenommen, hat unser Leben wirklich bereichert und geholfen, hier auch wirklich heimisch zu werden.“ 

Das Festival, obdach-, aber nicht heimatlos geworden, begab sich auf die Suche nach sich selbst. Für wen sollte es sein, wo sollte es stattfinden, wer sollte es bezahlen? Ging es um Musik oder ging es um mehr, gar ein Lebensgefühl, ein kommunales Mitgestalten, ein Selbstverständnis als Avantgarde? Wie weit müsste man gehen, um eine maßgebliche Größe zu erreichen und wie weit durfte man gehen, um sich dabei nicht zu verlieren? „Jazz in E.“ bespielte das marode alte Kino der Stadt, bis die Bauaufsicht die Toiletten sperrte. Es gab sich volkstümlich beim Jazzfrühschoppen in einer alten Ofenfabrik, wo die Musik kalkülgemäß viele Schnuppergäste auf den Geschmack brachte. Im Entgegenkommen zu städtischer Finanzierung wertete man das verwaiste Tourismuszentrum der Landesgartenschau auf, und um sich den Traum von den Stars Sauer/Wollny zu erfüllen, ging man sogar in die Schalterhalle der geldgebenden Sparkasse. Und plötzlich war die Subkultur im Stadtzentrum angekommen. Hier wehte seit kurzem auch politisch ein frischer Wind. Die Eberswalder hatten den beliebten Leiter der Realschule zu ihrem Bürgermeister gewählt; dass er für die im Märkischen marginalisierte FDP antrat, tat nichts zur Sache. Zu seinen Neujahrsempfängen an öffentlichen Orten kommen einfache Bürger in Scharen, gespielt wird auch Jazz. Auf einer städtischen Brache, zwischen Marktplatz und FH-Campus, entstand das Paul-Wunderlich-Haus, ein moderner Komplex für Verwaltung, Gewerbe und Kultur. In dessen Rohbau stellte Udo Muszynski 2006 eine Bühne, dahinter eine einst stadtbildprägende Leuchtschrift: „Kontakt“. Von der bröckelnden Fassade des alten Eberswalder Kaufhauses gerettet, gab sie fortan den programmatischen Anspruch des Festivals vor – ein Jazzmeeting zu sein im Herzen der Stadt. „Die Leute sollen sich hier begegnen und gut unterhalten. Es sollen von hier aber auch Impulse für die Stadt ausgehen,“ sagt Udo Muszynski. „Die Orte haben sich mehrfach geändert, das Prinzip aber nicht. Entscheidend für mich ist, dass seit 1989 der öffentliche Raum frei genutzt werden kann; das, was für manche etwas abgedroschen Versammlungs- und Meinungsfreiheit heißt. Für viele Leute hatte etwas einen gewissen Reiz, eine Exotik, wenn es im Verborgenen stattfand, so halboffiziell. Ich aber find’s besser, wenn die Treffpunkte öffentlich zugänglich sind, wenn Begegnungen über bestimmte Zirkel hinaus möglich sind. Letztlich liegt es an uns, wie einladend wir sind, ob die Leute kommen, nachgucken, interessiert sind an dem, was wir da machen.“ 

Auch die Musiker fürchten offenbar keine Vereinnahmung durch einen staatsnahen Rahmen. Der Trompeter Axel Dörner gastierte 2009, von einer Japantournee kommend, im Plenarsaal des Paul-Wunderlich-Hauses, dem Sitzungssaal der Barnimer Kreistagsabgeordneten. „Das ist genau der richtige Ort für solch ein Festival. Ein sehr gutes Zeichen! Ich finde es wichtig, dass diese Dinge im Zentrum der Stadt passieren, wahrgenommen werden. Wir brauchen Kontrapunkte zur zunehmenden Verflachung der Medien. Im Untergrund sind solche Dinge natürlich auch irgendwie spannend. Aber von dem, was in einer kleinen Garage passiert, kriegen die meisten Leute doch gar nichts mit.“ 

Ein bisschen gleicht es einem Wunder. Die Eberswalder kommen an den vier Festivalabenden jährlich zu hunderten, um Musiker zu hören, deren Namen ihnen unbekannt sind, eine Musik, die im Mainstream-Radio nicht gespielt wird und in der CD-Abteilung des örtlichen Elektronikmarktes nicht einmal gelistet ist. Es hat sich ein Grundvertrauen in diese Blind Dates entwickelt, das sich in der Person Udo Muszynskis verkörpert – und das auch an jenen Abenden nicht ernsthaft gefährdet wird, an denen die Musik dann doch zu sperrig, zu fremd, zu unbekömmlich spielt. Jürgen Peters vermutet, dass die früher vielfältig improvisierten Lebensformen der ehemaligen DDR-Bürger hier eine größere Offenheit für Improvisationen auch in der Kunst zurückgelassen haben. Und Axel Dörner glaubt sogar, dass die Offenheit für aktuelle, improvisierte Musik bei den Leuten, die sie spielen oder hören, auch auf andere Lebensbereiche ausstrahlt: „Musik ist ja nur eine Ausdrucksform. Es geht darum, wie man lebt. Es geht um eine bestimmte Form von geistiger Wachheit.“ Letztlich – und das macht den Erfolg von „Jazz in E.“ nicht kleiner, allenfalls am Rand skurril – kann man nicht ausschließen, dass der Besuch des Festivals inzwischen auch dem Prinzip „Sehen und Gesehenwerden“ folgt. Wenn die örtlichen Honoratioren anwesend sind und der Unternehmerverband ein festes Kartenkontingent ordert, kann sich Abwesenheit kaum leisten, wer im Örtchen mitreden will. 

Gleichwohl gibt es Skeptiker, wie den rbb-Jazzredakteur Ulf Drechsel, der seit vielen Jahren einen Festivalabend aufzeichnet und im rbb-Kulturradio ausstrahlt. Sie befürchten, die Eberswalder Jazzszene sei zu wenig verwurzelt. „Wenn der Udo Muszynski hier eines Tages weggehen sollte, ist der Jazz in Eberswalde tot,“ sagt er. Die Sorge muss man nicht teilen. Hinter Muszynski steht immerhin eine Schar von rund 20 ehrenamtlichen Helfern – die sogenannten „Aktivisten“ -, ohne die das Festival nicht realisierbar wäre. Eine Jazzszene hat es im Ort auch zu DDR-Zeiten schon gegeben, als im quaderförmigen „Haus der Kultur“ – im Volksmund wegen seiner Leuchtschrift „Las Vegas“ geheißen – renommierte ostdeutsche Jazzstars ebenso auftraten wie namhafte Jazzmusiker aus den USA. Das einheimische „R&B Collegium“ feierte unlängst sein 35jähriges Bühnenjubiläum. Auch sein innerstädtisches Domizil, der „Heinrich-Mann-Club“, fiel der Kommerzialisierung zum Opfer. Doch wo immer die gestandenen Herren aufspielen, füllen sie die Häuser und bewahren die Erinnerung daran, dass der Jazz in seinen Anfängen Tanzmusik war. Bei den Zwölftklässlern des örtlichen Humboldt-Gymnasiums lösen diese Klänge wohl allenfalls ein Zucken der Schultern aus; sie bevorzugen die gleiche Musik wie ihre Altergefährten anderswo. Im Unterschied zu diesen spielen sie in ihrem Musikkurs jedoch Jazz. Musiklehrer Markus Catenhusen setzt seine mehrheitlich musikalischen Laien an Keyboards, Schlagzeug, Geige, Baß, Querflöte, Xylophon oder in den Chor und improvisiert mit diesem Orchester auf eine alte irische Volksweise: „So viel wie möglich dagegen schießen! Beunruhigen, das statische Ruhen hier beunruhigen! Ab da wird Jazz so, dass er Spaß macht. Traut euch einfach nur! Ihr müsst nicht denken, ihr müsst perfekt sein. Ihr müsst authentisch sein! Und wenn ihr Wut habt in euch, dann will ich die hören. Und wenn ihr etwas zu sagen habt, dann will ich es auch hören. Traut euch einfach!“ In der nächsten Unterrichtsstunde dann kommt Udo Muszynski und stellt das diesjährige Festivalprogramm vor. Die Schüler bekommen eine Freikarte für einen Konzertabend ihrer Wahl, als Gegenleistung werden sie um eine Rezension gebeten. 

Im Paul-Wunderlich-Haus scheint „Jazz in E.“ nun dauerhaft angekommen zu sein. Auch die Russen sind nach 15 Jahren zurück in der Stadt und inzwischen willkommen. Zu einem der seltenen Konzerte von Burnt Friedman und Jaki Liebezeit reisen zwei junge Jazzfans eigens aus Kaliningrad an. Der Erfolg des Festivals hat Udo Muszynski in der Stadt große Reputation eingebracht. Er setzt sie gezielt ein, um neues aufzubauen. Seit zwei Jahren ruft er jeden Sonnabend, halb elf, zu „Guten Morgen, Eberswalde“ auf den Marktplatz. Geboten wird dort hochwertige Kleinkunst, stilistisch quer durch den Gemüsegarten. Der Eintritt ist frei, die Kosten teilen sich ortsansässige Sponsoren. So ziert Eberswalde inzwischen nicht nur, wie viele andere ostdeutsche Kleinstädte, ein saniertes Stadtzentrum mit hübschen, bunten Fassaden. Der Unterschied ist: Hier wurde auch eine lebendige, bürgerliche Mitte zurückgewonnen. 

Thomas Melzer, Jahrgang 1962, ist von Beruf Richter; gegenwärtig arbeitet er als Pressesprecher für das Brandenburgische Justizministerium in Potsdam. Er schrieb Theaterstücke, betrieb eine Fotogalerie und arbeitet als freier Mitarbeiter für das Feuilleton der „Berliner Zeitung“. 2008/2009 drehte er gemeinsam mit Antje Dombrowsky den 90-minütigen Dokumentarfilm „Die Aktivisten. Wie der Jazz in die Stadt kam“, in dem die Jazzszene in Eberswalde beleuchtet wird.